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15. November 2019
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Über die Leiden eines Stimulus: Sprachproduktionsexperimente

Über das Setting

Zuletzt ging es um eine Besessene, diesmal geht es um irgendwelche Experimente (was prototypisch ganz gut zu unserer Physikerin passen würde) – man fragt sich also vielleicht zurecht, was wir eigentlich machen (außer Kaffee trinken, versteht sich). Genau deshalb wollte ich etwas über Sprachproduktionsexperimente (oder -tests, je nachdem wen man fragt) schreiben. Wobei der Auslöser eigentlich die 14. BÖDT war, auf der so mancher Stimulus herhalten musste, um irgendwas zu zeigen.

Über den Datendrang …

… haben aufmerksame Lesende natürlich schon lange erfahren, aber nicht darüber, woher die verschiedenen Daten überhaupt stammen. Für Sprachwissenschaftlerin bzw. Sprachwissenschaftler liegt das Untersuchungsobjekt Sprache ja eigentlich eh überall herum – oder man trägt es auch immer mit sich – zumindest dann, wenn man eben entsprechende Sprache oder die Form einer Sprache (Varietät) selbst beherrscht. Allerdings sind diese Daten irgendwie chaotisch (ich verweise nochmal auf unsere Physikerin). Die Daten sind auch sehr individuell – dafür aber … naja … normal. Sprache passiert quasi in der wilden Natur (z.B. auch schriftlich), einfach so, ganz ohne eine Linguistin oder einen Linguisten, der bzw. die dabei zuschaut (wobei, wie ist das mit dem Baum der umfällt, wenn niemand da ist?) – oder auch einfach im Kopf. Die Sprache außerhalb des Kopfs, kann man natürlich beobachten, man kann sie aufnehmen und analysieren. Daten überall quasi – warum sollte man also noch irgendwelche „Experimente“ machen, um linguistische Daten zu erheben?

Über den Kontrollzwang …

… kommen wir aber nicht hinweg. Ja, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tendieren zu einer bestimmten Art von Kontrollzwang: das Kontrollieren von Variablen. Variablen können dabei zum Beispiel außersprachliche Faktoren sein, die vermutlich (also hypothetisch) einen Einfluss auf die Wahl eines bestimmten sprachlichen Mittels haben. Ein Beispiel aus dem SFB DiÖ: Wir gehen davon aus, dass Dialekt (ein sprachliches Mittel daraus wäre zum Beispiel ein "weiches T" im Anlaut) eher in informellen Situationen verwendet wird und natürlich eher mit einem Gegenüber (=situative Variable), das ebenfalls Dialekt spricht (zum situativen Gebrauch siehe auch hier)).
Um also dialektale (oder andere nicht-standardsprachliche) Faktoren bei unseren Gewährspersonen „hervorzulocken“ (zu evozieren), brauchen wir ein solches Dialekt sprechendes Gegenüber. Dafür lassen wir Aufgabenstellungen von einer Dialektsprecherin oder einem Dialektsprecher aus dem Untersuchungsort „vorlesen“. Die Aufgabenstellung wird also einmal, noch vor Beginn der eigentlichen Tests, aufgenommen und dann während der Tests immer wieder für verschiedene Gewährspersonen abgespielt. Das gewährleistet auch, dass dieser akustische Reiz (Stimulus) der Aufgabenstellung immer gleich (Kontrollzwang) innerhalb eines Ortes produziert wird. So ist das zumindest in unseren Sprachproduktionsexperimenten – auch das Gegenteil testen wir, indem wir die Stimuli zu sehr ähnlichen Aufgaben von einem Nachrichtensprecher einsprechen haben lassen.

Über Provokationen

Kurzum: Es geht darum (ganz kontrolliert) bestimmte Antworten hervorzurufen – ein Stimulus provoziert quasi das Aussprechen bestimmter linguistischer Formen, der Arme. Dies wird nicht nur für außersprachliche (Situation-)Variablen gemacht, sondern eben auch für innersprachliche Einflussfaktoren. Dass zum Beispiel Sätze gebildet werden, in denen Possession versprachlicht wird, kann dadurch gewährleistet werden, dass Gewährspersonen eine Situation mit Besitzverhältnissen beschreiben müssen. Hiermit kommen wir zu einem weiteren wesentlichen Aspekt unserer Sprachproduktionsexperimente: Sie sind multimedial – sie „provozieren“ nicht nur verbal, sondern eben auch mit Bild- oder Videomaterial.

 

Über Beine und Bellen

Für die Possession sieht eine Aufgabe des Experiments zum Beispiel so aus: Die Gewährspersonen sehen dieses Bild -

 

- und hören dabei den folgenden (von Dialektsprechenden oder dem Nachrichtensprecher eingesprochenen) Satz: „Ist das ihr Bein? Nein. Das ist …“ Diesen Satz müssen sie dann ergänzen. Wie? Das darf jeder und jede für sich selbst entscheiden.
Durch die Struktur des Satzes, durch den Aufbau des Bildes und eben auch durch die sprachliche Form der Aufgabenstellung, kontrolliert man also schon recht viel. Es steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass überhaupt eine Possessionskonstruktion von den Gewährspersonen geäußert wird, was auch die Quantität der Daten steigert (Datendrang und so). Dadurch kann man eben diese kontrollierten Faktoren testen, gleichzeitig wird der Versuch aber auch wiederholbar – ein wichtiges Merkmal von Experimenten. Die Stimuli werden dabei immer und immer wieder verschiedenen Personen vorgespielt (denkbar natürlich auch: ein und denselben Personen), um zu testen, wie diese darauf (sprachlich) reagieren.

Über die digitale Kontrolle …

… kommen wir zurück zur Kontrolle. Multimediale (oder auch multimodale) Sprachproduktionstests, wie sie oben beschrieben sind, werden häufig auf Computern präsentiert. So können Bilder und Ton darüber einfach wiedergegeben werden. Um aber sowohl die Kontrolle, als auch die Wiederholbarkeit zu optimieren, ist es sinnvoll Experimentsoftware zu verwenden, wie z.B. OpenSesame oder auch den Speechrecorder. So kann auch der Einfluss der Exploratorin bzw. des Explorators, also der Person, die die Tests durchführt, minimiert werden. Theoretisch kann eine Gewährsperson auch ganze ohne „akademische Unterstützung“ gut gestaltete computergestützte Experimente selbst durchführen. Die Antwort wird (ebenfalls digital) aufgenommen. Außerdem bietet der Einsatz von Experimentsoftware den Vorteil, dass sie das komplette Experiment dokumentiert: also z.B. wann welche Aufgabe bearbeitet wurde (zum Abgleich mit der Tondatei) oder auch in welcher Reihenfolge die Aufgaben gestellt wurden (bei Experimenten, bei denen die Aufgaben in einer zufälligen Reihenfolge (randomisiert) abgespielt werden - äußerst nützlich!). Bei meinen Dissertationsaufnahmen sah so ein Setting dann zum Beispiel so aus (man beachte vor allem auch den Kaffee):

 

Wobei links die Gewährsperson sitzen würde, und rechts eine Exploratorin oder ein Explorator.

Über den Kontrollverlust

Wenn man nun dieses Bild betrachtet, kann man sich die Frage stellen: Was hat das jetzt noch mit der Sprache in der „normalen“ Verwendung zu tun? Hierfür wird oft auch der Begriff „natürliche Sprache“ verwendet – den ich aber vermeiden möchte. Denn auch wenn es für viele vielleicht nicht „normal“ ist, mit einem Computer zu sprechen (mich ausgeschlossen), ist es keine „künstliche“ Sprache, die diese Leute dann produzieren. Es ist schlicht anders – die Situation wird durch das experimentelle Setting beeinflusst und somit auch die Wahl sprachlicher Formen. Deshalb werden weiterhin freie, „unkontrollierte“ Sprachdaten in der Natur erhoben, wie die eingangs erwähnten – auch wenn das Kontrollverlust bedeutet (= schlechtere Vergleichbarkeit), ergibt sich daraus eine höhere Verallgemeinbarkeit (= bessere Generalisierbarkeit) auf alltäglichere Verwendung der Sprache. Man macht also „einfach“ beides; die Stärken und Schwächen der methodischen Settings gleichen einander aus.

Über leidende Stimuli …

… habe ich jetzt nur wenig verloren. Stimuli, die einfach genutzt werden, um zu provozieren, zu evozieren und zu demonstrieren. Das ist einem Video-Stimulus auf der BÖDT passiert, als es vor allen Kollegen gezeigt wurde. Hier ein Screenshot des Videos:

 

Das Publikum hat dies zu Lachern bewogen – eine ungewollte Evokation quasi. Und niemand denkt an die Gefühle des Stimulus, der durch ganz Österreich reist und allen möglichen Menschen gezeigt wird, nur damit sie beschreiben, was mit dem Mann in dem Video passiert. Und das ist noch ein harmloses Beispiel. Nachdem ganz Hessen schon über die Zähne dieses Mannes gesprochen hat, ist auch noch das passiert:

 

Aber was passiert hier eigentlich mit dem Mann in dem Video? Wer das erfahren will, muss sich noch ein wenig gedulden – wenn Auswertungen vorliegen, werde ich die entsprechende Kollegin dazu zwingen, einen Blog-Beitrag zu schreiben, der darlegt, was diese armen Stimuli erzielt haben. Zumindest haben sie diesen Blog-Beitrag evoziert!



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Breuer, Ludwig M. (2019): Über die Leiden eines Stimulus: Sprachproduktionsexperimente. In: DiÖ-Online.
URL: https://www.dioe.at/details/artikel/2182/
[Zugriff: 09.12.2019]
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