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15. Jänner 2020
Cluster B – Blog

O Canada! Auf Forschungsreise im Land, wo Ahornsirup und Niagarafälle fließen

 

Ice to meet you, Canada

Bekanntermaßen sind die Wetterverhältnisse bei der Planung von wissenschaftlichen Zusammenkünften eher selten ein ausschlaggebender Faktor. Als die Kanadierin Sali Tagliamonte, eine unserer Kooperationspartnerinnen im Bereich Soziolinguistik, Graz im Frühjahr 2019 einen Besuch abstattete, bereitete sie uns gleich darauf vor, dass sich Kanada im November nicht gerade von seiner schönsten Seite zeigt. Dies trübte die Vorfreude auf den gemeinsamen Workshop mit Lehrenden und Studierenden der University of Toronto jedoch nicht, und so traten die fünf wetterfestesten Mitarbeiterinnen von PP04 gemeinsam mit Herrn Professor Ziegler im November die Reise nach Kanada an, gewappnet mit den dicksten Pullovern und Wollsocken, die ihre Kleiderschränke hergaben.

May I have your attention, please

In Toronto angekommen verlief der erste Abend ob der langen Anreise recht schweigsam – jedes Blinzeln wurde zur Herausforderung. Trotzdem hielten wir tapfer bis 19:30 Uhr durch. Unsere abendliche Erschöpfung sollte sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen, da die Nacht eine sehr kurze werden sollte. Um halb vier in der Früh wurden wir von einer nicht ganz wohltönenden Stimme begleitet von nicht ganz nervenschonendem Piepsen aus dem Schlaf gerissen – Feueralarm. Gefühlt 1000 Mal die Durchsage „May I have your attention, please!“ ohne weiterführende Erklärungen und einige panische WhatsApp Konversationen später bestand zumindest wieder die Möglichkeit auf Schlaf. 

A full Canadian experience

Entsprechend fit und ausgeruht trafen wir in der Früh zusammen, um unser eigentliches Kanada-Abenteuer mit einem Ausflug zu den Niagara-Fällen zu starten. Auf diesem Ausflug erwartete uns die „full Canadian experience“: Megastau auf der Autobahn, kanadischer Indian Summer bei der Fahrt aus der Stadt und starkes Schneegestöber bei den Niagarafällen. Der Blick aus dem Autofenster eröffnete uns die Vielfalt der kanadischen Fauna, repräsentiert von abertausenden Eichhörnchen in allen Formen und Farben und biertrinkenden Kanadiern in Campingsesseln auf Verkehrsinseln. „More Canadian“ hätte es laut Sali Tagliamonte gar nicht mehr werden können. Die tosende Gewalt der Niagarafälle, die hinter dichten Nebelschwaden zu verschwinden drohte, ließ uns vor Ehrfurcht und Kälte erstarrt zurück. Die einzige Möglichkeit, unsere eingefrorenen Lebensgeister wieder zu wecken, sahen wir in mehreren guten Gläsern kanadischen Weins, die es – wie wir Sali Tagliamonte immer wieder versichern mussten – durchaus mit dem österreichischen Wein aufnehmen konnten.

   

It’s all fun and games... until 8:30 pm

Den nächsten Tag starteten wir mit der Erkundung von Toronto. Nachmittags durften wir bei einem gemütlichen Pub-Besuch unsere kanadischen Gastgeberinnen und Gastgeber kennenlernen, die uns herzlich empfingen und so echte kanadische Freundlichkeit bewiesen. An diesem Abend machten wir außerdem erstmals Bekanntschaft mit den kanadischen Ausgehgepflogenheiten – um spätestens halb neun ist Zapfenstreich, wer dann noch was trinken will, ist selbst schuld. Halb so wild, so konnten wir ausgeruht in das Workshopwochenende starten.

The Austrian vs. the Canadian case – A magical workshop

 

Es folgten zwei Tage voller spannender Vorträge und Diskussionen zum Thema „Urban and Rural Language Research. Variation, Identity and Innovation“ im Trinity College, das uns mit seinem Hogwarts-Flair verzauberte. Ein Highlight war sicherlich die Präsentation des zu Recht für seine legendären Vorträge bekannten Jack Chambers. Neben interessanten Einblicken in die kanadischen Forschungsergebnisse wurden auch sehr große Unterschiede im Hinblick auf die Erhebungsmethoden deutlich. Während sich die Kanadierinnen und Kanadier schon einmal für ein paar Tage in einem Ort weitab jeglicher Zivilisation einquartieren müssen, um linguistische Phänomene zu erforschen, die sich von der Stadtsprache in Toronto abheben, ist die Lage in Österreich eine ganz andere: Um das breite Variationsspektrum auf kleinster Fläche wurden wir von den Kanadierinnen und Kanadiern dementsprechend beneidet. Zum Vergleich: Ontario, das Hauptuntersuchungsgebiet unserer kanadischen Kolleginnen und Kollegen, ist etwa zehnmal größer als Österreich. Nach einer abschließenden Panel Discussion über Herausforderungen der Datenerhebung ließen wir den Workshop am Sonntagabend bei Cider, gutem Essen und netten Gesprächen ausklingen.

   

It was the best of times...

In den letzten zwei Tagen unseres Aufenthalts trotzten wir Wind, Schneestürmen und Minusgraden, kämpften uns durch Einkaufszentren und erkundeten den malerischen und vorweihnachtlichen Distillery District. Den krönenden Abschluss der Reise bildete ein Besuch des an und für sich bestimmt sehr lehrreichen Royal-Ontario-Museums, bei dem wir allerdings nicht wirklich viel gelernt, dafür aber umso mehr gelacht haben. Mit vielen neuen Eindrücken, Forschungsanregungen und Weihnachtsgeschenken (Socken und Ahornsirup) im Gepäck traten wir schließlich die Heimreise an.

 

...it was the worst of times

Ein kleiner trauriger Nachtrag: Obwohl wir während unserer gesamten Zeit in Toronto alle Mülltonnen und Seitenstraßen aufs Genaueste inspiziert haben, um wenigstens einen Blick auf ein Waschbärenohr zu erhaschen, ist es uns entgegen aller Erwartungen gelungen, das Unmögliche möglich zu machen: Nicht ein einziges Exemplar dieses fast als Plage geltenden inoffiziellen Maskottchens von Toronto ließ sich blicken.



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Monsberger, Teresa / Tscheru, Gerrit (2020): O Canada! Auf Forschungsreise im Land, wo Ahornsirup und Niagarafälle fließen. In: DiÖ-Online.
URL: https://www.dioe.at/details/artikel/2259/
[Zugriff: 03.07.2020]
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